Vom Zivi zum Examen (Teil 2) – Krankenhaus für Anfänger

19 Feb 2009

Nach einem langen ersten Monat als offizieller Wehrdienstverweigerer im Einsatz an der Pflegefront füge ich mich zunehmend meinem Schicksal. Inzwischen kenne ich die Abläufe im Krankenhaus, weiss wie der Hase läuft. Und obwohl mir das Karnickel viele Nasenlängen voraus ist mache ich mich ganz gut in meinem neuen Betätigungsfeld. Sogar die Kollegen haben sich mittlerweile an mich gewöhnt.

Mit der weißen Dienstbekleidung habe ich mich schnell abgefunden. Ich finde sogar Gefallen an dem Aufzug. Sieht irgendwie wichtig aus. Ständig fragen mich Leute nach dem Weg zur Ambulanz oder zum Röntgen. Viele der älteren Damen sprechen mich mit „Herr Pfleger“ an. Mein Selbstbewusstsein wächst sichtlich.

Das Aufstehen fällt mir immer noch sehr schwer. In den ersten Wochen bin ich nur im Frühdienst eingesetzt, arbeite zum ersten Mal in meinem Leben zwölf Tage am Stück, wünsche mir aber schon am zweiten Tag das Grab. Ein Therapeut arbeitet mit mir die traumatischen Erlebnisse wegen der neuen Einstellung meines Wecker auf. Leider bekomme ich jedoch keine Bescheinigung für die Erwerbsunfähigkeit.
Es gibt viele Menschen mit ECHTEN Problemen„, teilt man mir höflich mit.

Also verschlafe ich weiterhin die morgendliche Dienstübergabe. Ich verstehe ohnehin nur die Hälfte. Leider verschlafe ich aber auch regelmäßig den Dienstbeginn. Wundere mich jeden Morgen erneut über die kollektive Verägerung bezügliche meiner wiederholten Verspätung. Meinen Kaffee könnte ich auch Zuhause umrühren. Und der Schlaf ist dort ebenfalls erholsamer.
Es geht um’s Prinzip„, teilt man mir verärgert mit.

In Wahrheit geht es allerdings um die Patienten-Klingel. Das habe ich schnell durchschaut. Morgens zwischen 6:00 und 7:00 Uhr können nur Praktikanten, Schüler oder Zivis die Frequenz dieses quälenden Signals wahrnehmen. Vergleichbar mit einer Hundepfeife. Nur ein Unterschied: Wir bekommen kein Lob vom Herrchen wenn wir losflitzen.

Nur selten wird das Horn des Grauens auch von einem examinierten Kollegen wahrgenommen. Oft sind das Menschen mit ganz besonderen Fähigkeiten. Leider nur im Bereich der Delegation. Bloß nicht zu früh freuen.
Kann mal einer zur Schelle gehen“, teilt man mir indirekt mit.

So ist das mit der Hierarchie im Krankenhaus. Aber ohne die Fußabtreter würde der Laden im Dreck versinken, das sag‘ ich euch. Also muss man sich gelegentlich selbst auf die Schulter klopfen. Leider machen das meist nur Kollegen die sich schon zuvor mehrfach die Schulter gebrochen haben, vor lauter Klopfen.

Ich persönlich gebe mich mit dem Trinkgeld der Patienten zufrieden. So wertvoll werden Worte nämlich niemals werden. Oder schon mal vom Zuhören satt geworden?
Das ist wohl einer der wenigen Vorzüge im Leben eines Zivis. Gelegentlich wandern kleinere Taler-Beträge in die Taschen deines Kasacks. Mitleid macht sich bezahlt.
Das ist aber nur für sie„, teilt man mir dankbar mit.

Reich wird man dabei natürlich nicht. Wenn jedoch zusätzlich das Frühstück von der Station bezahlt wird, kann man den ein oder anderen Groschen zurücklegen und somit etwas für die Altersvorsoge tun. Außerdem hat man wenigstens EINE regelmäßige Mahlzeit im Bauch. Mit ein wenig Phantasie kann man sich die Gesamtsituation also auch schön reden. Und der erste Monat der Zivildienstzeit ist ja auch schon rum.
Und die restlichen Zehn schaffst du auch noch irgendwie„, teile ich mir selber voller Zuversicht mit.

Die Hoffnung stirbt eben doch zuletzt. Und zur Not gibt’s hier sogar ein Rea-Telefon.

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